X. Tage der Typografie oder Schriften basteln im Wald
von steffi
Der Weg zur Schrift kann einsam sein. Es geht um Kurven und Geraden, um Fläche und Zwischenraum, um Kontrast und nicht zuletzt um die Frage, welche entscheidende Lücke die neu geschaffenen Buchstaben im großen Schriftendschungel denn nun eigentlich ausfüllen sollen.
Am letzten (Fronleichnams-)Wochenende, 22.05.-25.05.2008, war es zumindest für einige Stunden Zeichnen und Grübeln geteilte Einsamkeit: die Rede ist von den »X. Tage der Typografie« – einer Veranstaltung, die sich nun zum X. Mal jährt und in der Nähe von Bielefeld (Lage-Hörste) Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit Typografie in Form von Workshops und Vorträgen bietet. Organisiert wird das verlängerte Wochenende von ver.di und dem Büro »typosition«, den Machern des Magazins »spatium«.
Die Kombination aus theoretischem Futter und praktischem Gebastel stellt eine angenehme Ausnahme im Fortbildungsangebot dar, auch die spezielle Mischung aus Teilnehmern (in diesem Jahr etwa fünfzig Personen) ist sehr reizvoll und bietet seltene Gelegenheit zum Austausch: vom Azubi aus dem Bereich Mediengestaltung über Grafiker und solche, die es werden möchten bis hin zu Künstlern oder auch eher handwerklichen Berufen aus dem Druck- und Medienbereich, natürlich auch Schrift- und Buchgestalter.
Angeboten wurden vier verschiedene Workshops.
»Titeleien», geleitet von Indra Kupferschmid, beschäftigte sich mit der Frage, aus welchen Teilen eigentlich ein Buch besteht bzw. bestehen sollte und wie diese sinnvoll gestaltet werden können, getreu dem Motto, die Einzelteile zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen, also auch den Inhalt konsequent durchzugestalten.
Indra Kupferschmid ist als Typografin und Dozentin viel unterwegs, seit 2006 in der Funktion als Professorin für Typografie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und Autorin des Buches »Buchstaben kommen selten allein« (Niggli Verlag).
Titeleien – Ein Buchtitel für einen Kunstband über Jackson Pollock – es lebe die Handarbeit!
Titeleien – Hier zwei schöne Beispiele für Innenseiten – wohlgemerkt alles mit der Hand gesetzt bzw. gezeichnet!
Der Workshop »Pixelschriften« sorgte anfänglich bei Teilnehmern und weiteren Beteiligten für einige Verwirrung. Die Annahme, an dem Wochenende eigene Pixelschriften zu entwerfen, wurde als falsch entlarvt.
Statt dessen führte Dozent Paul van der Laan die Methode ein, Pixeldarstellungen bekannter (aber zum Zeitpunkt des Workshops nicht kommunizierter) Schriften wie der Georgia oder Helvetica als Anlaß für die Gestaltung einer »normalen«, also vektorbasierten Schrift zu nehmen. Aus Zeitgründen wurden »nur« die Kleinbuchstaben gestaltet – alles per Hand, und in ca 1,25 Tagen Netto-Zeit durchaus nicht ohne zeitliche Bedrängnis.
Paul van der Laan ist studierter Grafiker und Schriftgestalter und Geschäftsführer von »Type Invaders,« Studio für Schrift und Typografie. Seit 2000 hat er einen Lehrauftrag für Schriftgestaltung an der Royal Academy of Art, Den Haag.
Pixelschriften – Mitunter erstaunlich ausgereifte Ergebnisse entstanden im »Pixelschriften«-Workshop von Paul van der Laan, hier eine Fraktur von Nina David, der Macherin von font-o-rama
Pixelschriften – Manchmal gab es eine Unterbrechung der Einsamkeit durch Diskussion über Kurven und Flächen
Zu Ehren Paul Renners und seiner Schrift Futura bastelten die Teilnehmer des Workshops »Ein echter Renner« um die Wette um das schönste und passendste Plakat zum Jubiläumsjahr (Paul Renner wäre dieses Jahr 130 Jahre alt geworden, die Originalschnitte der Futura 80 Jahre alt).
Zunächst wurde ernsthaft recherchiert und der Hintergrund von Schriftgestalter und Schrift beleuchtet, anschließend die Konzepte für eine Plakatserie für Ausstellung, Konferenz und Typewalk erstellt.
Geleitet wurde der Workshop von Peter Reichard und Tanja Huckenbeck, die gemeinsam das Büro »typosition« führen und als Autoren und Dozenten für Typografie und Grafikdesign tätig sind.
Ein echter Renner – hier die Entwicklung des Buchstaben a als Basis für die Plakatgestaltung
Ein echter Renner – wo man arbeitet, da sieht man es auch!
Nicht zuletzt legten sich die Teilnehmer des Kalenderworkshops »Odysee 2010« mit allen nur denkbaren Druckarten ins Zeug, gemünzt auf pragmatische Druckverfahren, die in der kurzen Zeit und auch einmal daheim machbar sind.
Jeder Teilnehmer gestaltete mindestens einen Monat, am Ende ergab die Einzelarbeit ein bunt gemischtes Sammelsurium an Drucktechniken und schön gestalteten Kalendern.
Die Leiterinnen Renate Dölzer und Angelika Götz ließen sich einiges einfallen, um ihren Schützlingen genug Material für die kreative Umsetzung zu liefern, inklusive Holz- und Bleilettern, auf die wir anderen Kursteilnehmer neidische Blicke warfen :)
Beide Damen sind Museums-Dozentin im Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim und haben langjährige Erfahrung aus dem Druckbereich gesammelt.
Kalenderworkshop – hier ein Beisipiel mit flächigen Tiermotiven (gleich zwei, obwohl nur eines gefordert war :))
Kalenderworkshop – wunderschöne Holzlettern standen den Teilnehmern zur Verfügung
Das Rahmenprogramm war durchaus sportlich: den Anfang machte am Donnerstag Abend der Berater, Autor und Übersetzer Jan Middendorp mit seinem Vortrag über »Zehn Jahre Einsamkeit – Schriftgestaltung seit 1998« (ich habe mich bei seinem Titel bedient, da ich ihn nach den Erfahrungen an diesem Wochenende sehr passend finde :=) ). Er erstellte einen Überblick über die Schriftgestaltung der letzten zehn Jahre und hob seine persönlichen Highlights hervor.
Anschließend gab es für die Teilnehmer in Form einer »open stage« die Möglichkeit, ihre eigenen Projekte und Arbeiten dem geneigten Publikum zu präsentieren und sich die eine oder andere Anregung abzuholen.
Am Freitag ging es dann auch recht rasant weiter mit der Arbeit in den Workshops und internen Theorie-Einheiten, spzeziell auf das Themengebiet und die Aufgabe angepaßt.
Freitag abend lieferte Ralf de Jong mit seinen beiden – sehr persönlichen und auch recht emotionalen – Vorträgen über 10 Jahre Buchgestaltung einigen Stoff für weitere Diskussionen. Der eine oder andere Zuhörer wird sich sicher auf die Suche nach gut gestalteten Büchern begeben, um im Zweifelsfall gute Beispiele für Buchgestaltung aufführen zu können.
Ralf de Jong ist Professor für Typografie an der Universität Duisburg-Essen und Autor von »Detailtypografie«.
Am Sonntag wurde es ganz schön eng, als man zusammen die fertigen Werke bestaunte
Samstag wurde dann wieder fleißig gebastelt – auch spät in die Nacht hinein, was dem Titel des Blogeintrages wieder sehr entgegenkommt –, aber auch ein bißchen gefeiert und getanzt.
Sonntag dann die große Präsentation aller Workshop-Ergebnisse und offizielle Verabschiedung...
Schön war´s, aufregend und anstrengend war´s, viele Menschen hat man kennengelernt, viel dazugelernt und ich kann von mir sagen, mit nichts als Buchstaben im Kopf den Nachhauseweg angetreten zu haben.
An dieser Stelle noch einmal ein Riesendankeschön an die Veranstalter – so einen reibungslosen und trotzdem entspannten Ablauf muß man erst einmal hinbekommen!
Bleibt zu hoffen, daß auch nächstes Jahr wieder ein solches Wochenende realisiert werden kann!
Demnächst gibt es noch einen ausführlicheren Blogeintrag für den Pixelschriften-Workshop, mehr Bilder gibt es bei flickr!
Videos zu den einzelnen Workshops
Bildergalerie zur Veranstaltung bei flickr
Veranstaltungsort: Institut für Medien, Bildung und Kunst / ver.di
Mitveranstalter: Büro Typosition
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden!
Clubmitglieder können auch Kommentare schreiben.
